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"Es ist nicht beendet, wir fangen jetzt an"

Ergebnisse des Projektes „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“ in der Paulskirche übergeben
"Es ist nicht beendet, wir fangen jetzt an"
"Es ist nicht beendet, wir fangen jetzt an"
Frankfurt,Paulskirche,Übergabe MHG-Bericht © Jochen Reichwein

Die Ergebnisse des Projektes „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“, an dem seit September vergangenen Jahres 70 Expertinnen und Experten im Auftrag des Bistums Limburg in neun Teilprojekten gearbeitet haben, sind am Samstag, 13. Juni, in der Frankfurter Paulskirche übergeben worden. Die Auftraggeber, Bischof Georg Bätzing und Ingeborg Schillai, Präsidentin der Diözesanversammlung, nahmen je ein Exemplar des Abschlussberichtes an und gaben gemeinsam einen Bericht an Martin Schmitz als Vertreter der Betroffenen weiter. Mit einem ergreifenden Beitrag von Schmitz hatte die Veranstaltung, die unter das Leitwort „Der Beginn der Ehrlichkeit“ gestellt war, auch begonnen. Sie endete mit einer eindeutigen Zusage von Bischof Georg Bätzing: "Wir werden die Maßnahmen umsetzen.“ Das habe für das Bistum Priorität.

Dem Projekt eine Chance gegeben

Schmitz berichtete zu Beginn, wie er als zehnjähriger Messdiener von einem Kaplan missbraucht worden war und unzählige Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung über sich hatte ergehen lassen müssen. Das habe sein ganzes Leben geprägt und vieles zerstört, sagte er. Wie groß sein Leid war, machten eindrücklich ein paar von ihm als Kind geschriebene Zeilen deutlich, die er vortrug. „Weil das Projekt eine Chance verdient hatte“, habe er trotz anfänglicher Skepsis mitgearbeitet. Er habe  in diesem Jahr viele Menschen kennengelernt, deren ehrliches Bemühen um den Schutz von Kindern ihn beeindruckt habe, sagte er in seinem Statement. Scharfe Kritik kam von einer weiteren Betroffenen, Lisa Scharnagl, die von einem nur wenige Jahre zurückligenden schweren sexuellen Übergriff an einer katholischen Schule im Bistum Limburg berichtete. Die Diskrepanz zwischen der  "wirklich tollen Idee" des Projektes und dem tatsächlichen Umgang mit aktuell Betroffenen mache sie wütend. Es habe sich keineswegs irgendwas geändert: "Hört auf zu glauben, dass das, worüber wir hier reden, in der Vergangenheit liegt", rief sie den Teilnehmern der Veranstaltung zu. Gelobt werden dürfe das Projekt erst dann, wenn es sichtbare und konkrete Ergebnisse gebracht habe, forderte sie.

Dank für eine mutige Beauftragung

Einen Rahmen schaffen, in dem die Erfahrungen von Betroffenen Wirkmacht haben: So beschrieb die Projektleiterin Dewi Maria Suharjanto die Zielsetzung. Die Worte von Martin Schmitz erlaubten, es so zu beenden, wie es angefangen habe: mit dem Zeugnis. Die Betroffenenzeugnisse seien der zentrale Ausgangs- und Endpunkt, „von dem aus wir denken müssen und von dem wir in Zukunft aus auch handeln müssen.“ Ausdrücklich dankte sie den Betroffenen, dass sie diese wertvolle und unverzichtbare Perspektive zur Verfügung gestellt hätten, außerdem Bischof Georg Bätzing für die „mutige Beauftragung“, der Prozessbeobachterin Claudia Burgsmüller und „den 70“ für „ein starkes Stück Aufarbeitung, stark, weil Sie stark waren.“ Der Abschlussbericht zeige eindrucksvoll, wie ein komplexer Missstand genau beobachtet und in Themenfelder zerlegt worden sei: 61 Maßnahmen seien gehoben worden, die unter den Stichworten "mit den Menschen, gegen Doppelmoral, postklerikalistisch" aufgelistet seien. 

Kleriker und Laien gemeinsam

Dass für sie die Begegnungen mit Betroffenen berührend und beeindruckend waren, hatte zuvor bereits Ingeborg Schillai in ihrer Begrüßung versichert. Es sei nicht selbstverständlich, dass sie sich für ein solches Projekt der Institution Kirche zur Verfügung gestellt hätten, sagte sie, und dankte für die Klarheit, „mit der Sie uns den Spiegel vorgehalten haben.“ Sie habe dabei auch gelernt, dass sich die unterschiedlichen Perspektiven nicht harmonisch zusammenfügen ließen: „Also müssen wir in der Kirche lernen, Ihre Perspektive einzunehmen und mitzudenken.“ Schillai ging auch auf die Genese des Projektes ein, das als Konsequenz aus der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch Kleriker der katholischen Kirche entstanden war. „Die Ergebnisse der Studie schreien danach, dass wir endlich wirksam gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche und gegen seine Vertuschung vorgehen“, sagte die Präsidentin der Diözesanversammlung. Im Bistum Limburg stellten sich dabei aufgrund der synodalen Verfasstheit Kleriker und Laien gemeinsam dieser Verantwortung. Auch der nächste Schritt, die Implementierung der Projektergebnisse, werde gemeinsam angegangen.

Unabhängige diözesane Kommission

Die Pläne dafür stellte Bischof Georg Bätzing vor. Er werde vorerst für drei Jahre eine unabhängige diözesane Kommission berufen, verkündete er. Zwei der sieben Mitglieder würden von den 70 aus den Reihen der im Projekt beteiligten Externen gewählt, zwei würden vom Diözesansynodalrat bestimmt, zwei sollten aus dem Kreis der Betroffenen stammen und eine Person werde von ihm benannt. Um die Maßnahmen zu koordinieren und zu forcieren, werde er eine oder einen Bischöfliche(n) Beauftragten berufen. Wenn auch nicht bei jeder Maßnahme die Umsetzung im Wortlaut möglich sei, dann doch dem Geiste nach, versprach er. „Das sind wir den Betroffenen schuldig“, dafür lohne es sich zu streiten. Eingangs hatte der Bischof den Charakter dieser Veranstaltung mit einigen Verneinungen umschrieben: keine Feier, keine Feststunde, kein Festakt. „Wir können uns heute nicht auf die Schulter klopfen und sagen: Es ist geschafft“, stellte er klar: „Es ist nicht beendet, wir fangen jetzt an.“

Als Bistum ehrlich sein

Für ihn sei die Ehrlichkeit eine der großen Überschriften über diesem Projekt, so Bätzing, der mit seinem Schlusswort den Dank an die externe Projektbeobachterin Claudia Burgsmüller, an Projektleiterin Dewi Maria Suharjanto und ihr Team, den zwischenzeitlich ausgeschiedenen externen Projektleiter Stefan Andres, und an die 70 Mitwirkenden, insbesondere die Betroffenen, verband. Aus seinen Erfahrungen heraus „werden wir auch als Bistum ehrlich sein: Wir werden benennen, was war. Und wir werden klar benennen, was wir tun werden. Wir werden Rechenschaft ablegen dafür. Und dies alles nicht hinter verschlossenen Türen“, lautete seine Zusicherung.

Unbeschreibliches Maß an Elend und Leid

Einen ausführlichen Einblick in das Feld der Aufarbeitung gab Josef Bill, Vorsitzender Richter am Oberlandesgericht im Ruhestand. Er hatte im Teilprojekts I mitgearbeitet, das unter dem Titel „Externe, unabhängige Untersuchung von Missbrauchsfällen an Minderjährigen und Schutzbefohlenen im Bistum Limburg“ stand. Exemplarisch schilderte er zwei Fälle und legte dabei erschütternde Erkenntnisse offen. Bei den Untersuchungen sei ein „unbeschreiblich großes Maß an Elend und Leid“ der oft schwer traumatisiert zurückgelassenen Betroffenen festgestellt worden, sagte Bill. Gegenstück dazu sei eine erhebliche Portion von sexuell motivierter und „unvorstellbar schlimmer pädosexueller Eigensucht der beschuldigten Täter“. Zu erkennen gewesen sei zudem ein von der Kirche zu verantwortendes Ausmaß an fehlender Sensibilität und Ignoranz gegenüber den Betroffenen durch die Vertuscher, die als Personalverantwortliche versagt hätten. Es habe lange gedauert, bis die Kirche damit angefangen habe, die Betroffenen deutlicher ins Blickfeld zu rücken. „Hier besteht ein gesteigerter Aufarbeitungsbedarf“, schrieb Bill den Verantwortlichen ins Stammbuch: Das Projekt könne nur Auslöser noch zu schaffender Strukturen, aber nicht deren Endpunkt sein.

Aufbruch ist begonnen

Ein im Ganzen recht positives Zeugnis bei aller kritischen Haltung stellte Claudia Burgsmüller dem Projekt aus, das sie als unabhängige, juristische Beobachterin einer kritischen Prüfung unterzogen hatte. Das interdisziplinär und geschlechterparitätisch zusammengesetzte Projekt habe den „Aufbruch“ begonnen und der harten Kultur des Verschweigens im Bistum Limburg seine Arbeitsergebnisse entgegengesetzt, resümierte sie. In allen neun Teilprojekten seien Ergebnisse vorgelegt worden, die geeignet seien, „die autoritär klerikalen Strukturen der katholischen Kirche anzukratzen und zu verändern und das männerdominierte System gegen missbrauchsfördernde Strukturen zu immunisieren, da sie mit der Hilfe externer Expertise entwickelt wurden und sich das Bistum geöffnet hat.“

Fachstelle für sexualisierte Gewalt

Als im Implementierungskonzept enthaltene Instrumente für zukünftige Veränderungen nannte Burgsmüller unter anderem ein einzuführendes Beschwerdemanagement, verbunden mit einer Disziplinarordnung für Kleriker, und eine Gleichstellungsordnung, die ermöglichen werde, dass Frauen künftig in der Kirche und ihren Gremien mehr Einfluss ausüben könnten. Das Bistum solle sich außerdem zum Ziel setzen, die Kommunikation mit den Betroffenen „umzukehren“, forderte die Rechtsanwältin. Nach den erarbeiteten Ergebnissen gehört dazu, wie sie ausführte, auch die Schaffung einer Fachstelle für sexualisierte Gewalt sowie die Einrichtung einer Stelle Fachkraft für Kommunikation. Auch die Einrichtung einer Ombudsstelle zählt zu den Vorschlägen, um die Rechte von Kindern zu stärken und Partizipationsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Die Gesamtkonzeption mit ihren verbindlichen Kriterien und Standards zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs habe sich bewährt und sei als konsequentes Modell nach einheitlichen Bedingungen und Kriterien für andere Diözesen zu empfehlen, lautete die Bilanz der Projektbeobachterin.

Der vollständige Bericht und weitere Dokumentationen und Informationen stehen hier zum Download bereit.

© Jochen ReichweinFrankfurt,Paulskirche,Übergabe MHG-Bericht
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© JOCHEN REICHWEIN
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